Verzicht auf Klassenkampf? (Rezension von Johannes Kieß)

Eine Doppelrezension von Johannes Kiess
„Mit Krisen verbinden wir die Vorstellung einer objektiven Gewalt, die einem Subjekt ein Stück Souveränität entzieht, die ihm normalerweise zusteht“ (Habermas, 1973: 10). Eine Institution ist demnach dann in der Krise, wenn sie durch exogene (plötzliche) Veränderungen bedroht wird, „die deren Fortbestand gefährden und denen man im Rahmen der bestehenden institutionalisierten Mechanismen nicht begegnen kann“ (Preunkert 2012: 72). Dass die deutschen Gewerkschaften in der Krise sind, gilt wohl seit Jahrzehnten als Allgemeinplatz. Dennoch widmen sich beide zur Rezension vorliegenden Bücher dem Thema in aufschlussreicher Weise, vielleicht, weil beide einen Wendepunkt bzw. eine Chance ausmachen. Gleichzeitig könnte der Zugang, den die beiden Autoren gewählt haben, kaum unterschiedlicher sein, wiewohl sich die zu ziehenden Schlüsse sich nicht gegenseitig ausschließen. Überspitzt könnte man zusammenfassen: Während Deppe zu dem Schluss kommt, der Klassenkampf in einer europäischen und globalisierten Welt erfordere noch viel Lernvermögen und Anpassung seitens der Gewerkschaften, schreibt Lorenz gegen eine ihm als nicht mehr zeitgemäß erscheinende Kampfrhetorik à la Klassenkampf an und fordert ein modernes Erscheinungsbild ein.

Frank Deppe: Gewerkschaften in der großen Transformation. Von den 1970er Jahren bis heute. Eine Einführung

Für Frank Deppe ist das Schicksal der deutschen Gewerkschaften eng gekoppelt an das Wirtschaftsmodell der Bundesrepublik – wie auch ihre Genossinnen und Genossen anderswo eng an ihre jeweiligen Rahmenbedingungen gekettet sind. Diese These verfolgend, skizziert Deppe in dem insgesamt 148 Seiten zählenden Überblick Gewerkschaften in der Großen Transformation die vielfältigen Umbrüche im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die Gewerkschaften, durchaus auch mit Blick über den Kontext der Bundesrepublik hinaus. Diese Umbrüche besitzen, so der Autor, „welthistorische Bedeutung“ (Deppe, 2012: 21): Der französischen Regulationstheorie folgend, spricht er von einem Wandel des Regulationsregimes seit den 1970er Jahren. Mehr noch, die Überakkumulationskrise sei mit der Entfesselung der Finanzkrise fortgeschrieben und ins Extrem geführt worden. Damit einher sei der Abschied vom „Goldenen Zeitalter“ der Sozialdemokratie und der Anbruch einer Epoche der Austerität gegangen (ebd.: 98). In Großbritannien wurde dies von Margaret Thatcher verkörpert, in den USA als Reaganomics durchgesetzt und in Deutschland wurde mit Helmut Kohl die konservative Revolution ausgerufen. Auch die Europäische Union erfüllte die Hoffnung auf Schutz vor den Unwägbarkeiten der Globalisierung nicht. Auf den Binnenmarkt folgte nicht das den Gewerkschaften vom Sozialdemokraten Jaques Delors versprochene Soziale Europa. Schlimmer noch, der Europäische Gerichtshof stellte 2007 in seiner Rechtsprechung den Vorrang der Marktfreiheiten vor den Interessen der ArbeitnehmerInnenvertretungen (im konkreten Fall dem Streikrecht) klar (ebd.: 117). Die „Große Transformation“ – hier bedient sich Deppe begrifflich bei Karl Polanyi – machten nicht nur die deutschen Gewerkschaften mit. In ihrer Folge gingen die stolzen britischen Minenarbeiter unter; für die krisengebeutelten südeuropäischen Gewerkschaften ist die Lage heute existenzgefährdend. Demgegenüber stehen die deutschen Gewerkschaften sogar relativ gut da (ebd.: 47), denn das deutsche Exportmodell funktioniert immer noch bzw. wieder (ebd.: 94).

Die neuerliche „Große Transformation“ und die Krise der Gewerkschaften sind, so lernen wir, zwei Seiten derselben Medaille. Und auch das Ergebnis hat zwei Seiten. Das „befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ (Colin Crouch) sei „einerseits Ausdruck der Ohnmacht der politischen und sozialen Linken, die ihre Krisen vom Ende des 20. Jahrhunderts noch längst nicht überwunden hat. Auf der anderen Seite ist sie jedoch Ausdruck der Macht des Finanzkapitals, allgemeiner der Ökonomisierung der Politik, die sich in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt hat“ (Deppe, 2012: 130).

Glücklicherweise belässt es Deppe nicht beim Beklagen der von tiefgreifenden Veränderungen geprägten Gegenwart, sondern macht immer wieder auf mögliche Perspektiven aufmerksam – deren Erfüllung aber eben nicht widerstandslos zu haben ist. Die Europäische Integration hat es den Gewerkschaften, auch wenn diese dem Integrationsprojekt lange schon positiv gegenüberstehen, nicht leichter gemacht. Dieses Schicksal teilen sie aber mit anderen Akteuren. Die Herausforderung für sie sei deshalb „angesichts der Objektivität der Europäisierung und der wirtschaftlichen Globalisierung ihre Politik im Mehrebenensystem (von unten: im Betrieb, über die nationale bis zur europäischen Ebene) zu entwickeln und – sowohl auf der Konzern- als auch auf der EU-Ebene – neu zu vermitteln“ (Deppe, 2012: 132). Der Imperativ, den der Autor gegen Ende überbringt, der Internationalismus der Gewerkschaften dürfe „nicht nur moralisch sein“ (ebd.: 132), bleibt allerdings hinter der analytischen Tiefe des Buches zurück. Es wird sich in der Tat erst empirisch zeigen müssen, ob die Krise (Europas und der Gewerkschaften) das Momentum auf die Seite der Gewerkschaften wechseln lässt oder ob diese weiterhin unter der Macht des Kapitals einknicken müssen, ob die deutschen ArbeitnehmerInnen Solidarität mit ihren griechischen GenossInnen aufbringen können oder man sich selbst doch der nächste ist. Das Buch liefert, dessen ungeachtet, äußerst komprimiert eine Vielzahl von Informationen, theoretische Anknüpfungspunkte sowie kritische Anregungen und ist als Einstieg in das Thema Gewerkschaften empfehlenswert.

Robert Lorenz: Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Perspektiven deutscher Gewerkschaften

Ganz anders geht Robert Lorenz die Krise der Gewerkschaften an. Das zugrundeliegende Thema von Gewerkschaftsdämmerung ist die Reformunfähigkeit der Gewerkschaften und ihrer Strukturen. Zeitlich verortet wird die Krise dabei parallel zu Frank Deppes Analyse, wenn es heißt: „Dass sich die in den 1980er Jahren sichtbare Krise bis in die 1990er und 2000er Jahre hinauszögerte, obwohl sie unterschwellig schon in den 1970er Jahren begonnen hatte, lag im Übrigen auch an einer sporadisch fortbestehenden Stärke des gewerkschaftlichen Milieus“ (Lorenz, 2013: 72). Damit ist auch schon, dem Autor folgend, ein zentrales Problem der Gewerkschaften benannt: Die Gewerkschaften entfernten sich langsam von den Menschen, sie verpassten jenen „Wertewandel und Mentalitätswechsel […] den Soziologen ‘Individualisierung’ getauft haben“ (ebd.: 107).

Das angestammte Industriearbeiterklientel (die Betonung liegt auf der männlichen Form) im Normalarbeitsverhältnis, das sich im sozialdemokratischen Milieu zu Hause fühlt, ist zur Minderheit unter den Erwerbstätigen insgesamt geworden. Die „Nutzlosigkeit der nachindustriellen Schwächlinge“ (ebd.: 172) traf in den 1980er Jahren auf ein emanzipiertes Partizipationsbedürfnis bei den BürgerInnen (Neue Soziale Bewegungen), das nicht befriedigt werden konnte. Die Gewerkschaften hatten sich, und das war in den Medien bis vor Kurzem in der Tat der Tenor, überlebt. Die Antwort auf das „Warum“ fällt bei Lorenz völlig anders aus als bei Deppe. Während dieser die Ursachensuche hauptsächlich auf exogene Faktoren beschränkt, kommt Lorenz zum Schluss: Die Gewerkschaften hätten sich zu lange auf ihrer männlichen Stammklientel und ihrer (letztlich nur noch vermeintlichen) Stärke in der Industrie ausgeruht und die entscheidenden Umbrüche schlicht verschlafen. „Schwäche aus Stärke – so lautet die Diagnose für den Niedergang der deutschen Gewerkschaften seit den 1970er Jahren“ (ebd.: 126). Überhaupt seien die Gewerkschaften insbesondere sprachlich in den 1960er Jahren stecken geblieben (ebd.: 260).

Inzwischen habe es aber einen „Bruch mit ihrer materialistischen Doktrin“ (ebd.: 203) gegeben. Die neuen Funktionäre seien oft sogar weiblich, „jung, z. T. akademisch und sie vergreifen sich nicht klassenkämpferisch im Ton, sondern argumentieren sachlich und nachvollziehbar“ (ebd.: 209). „Für den neuen Typus sind Gewerkschaften ‘Ordnungsfaktor’ und nicht ‘Gegenmacht’ – unter Huber hat sich die stets hartgesottene IG Metall an die IG BCE angenähert“ (ebd.: 211). In dieser Bewertung der Erneuerung der Gewerkschaften äußert sich allerdings auch ein Makel des Buches: Besonders im Gegensatz zu Deppes Buch ist Gewerkschaftsdämmerung merkwürdig theorielos, indem anekdotisch und oft wiederholend die Reformunfähigkeit der Gewerkschaften beschrieben wird, ohne aber theoretische Erklärungsangebote endogener (organisationssoziologisch) oder exogener (z. B. Regulationstheorie, europäische Integration) Art anzubieten. Der Bewertungsmaßstab und das Analyseraster bleiben außerdem im Dunkeln bzw. äußern sich in eher problematischen Feststellungen, wie „Die extremistisch anmutende Sozialismus-Forderung war zeitgenössischen, vorübergehenden Umständen geschuldet“ (ebd.: 50) oder „Obendrein hatte längere Zeit der Verdacht im Raum gestanden, einige Gewerkschaften – insbesondere die IG Metall – seien kommunistisch unterlaufen, seien Sammelbecken marxistischer Umtriebe“ (ebd.: 177). Als ob nach Lorenz solche politischen Vokabeln, womöglich von bürgerlichen PolitikerInnen oder JournalistInnen als Kampfbegriff benutzt, analytisch etwas aussagten.

Zusammenfassung

Klassenkampf ist für Lorenz offensichtlich nicht mehr zeitgemäß – was als Meinung sicher vertretbar, als strategische Leitlinie für die Gewerkschaften im 21. Jahrhundert aber auch nicht alternativlos ist. Und wenn, dann sollte dies begründet werden. Davon abgesehen ist Lorenz’ Buch sehr lesenswert, weil er den Finger in eine Wunde legt. Analysen wie auch die von Frank Deppe machen es gerade GewerkschafterInnen, so ist Lorenz wohl zu verstehen und darin ist ihm zuzustimmen, zu einfach, die Schuld bei anderen zu suchen, anstatt die eigene Reformbedürftigkeit anzuerkennen und sich auf neue Entwicklungen einzustellen.

So schrieb sich diese Rezension vor allem deshalb recht leicht, weil beide Bücher kaum gegensätzlicher sein könnten: vom wissenschaftlichen und politischen Standpunkt der Autoren (Marburg und Göttingen), bei offensichtlich unterschiedlicher Sozialisation (vier Jahrzehnte Altersunterschied), bis hin zu dem klaren Fokus auf einerseits exogene kriseninduzierende Veränderungen (Frank Deppe) und andererseits auf die interne strukturelle Reformunfähigkeit (Robert Lorenz). Beide sehen die Welt mit unterschiedlichen Augen. Und beide Perspektiven haben ihre Berechtigung. So sehr das Ausklammern von wichtigen Faktoren, die eben auch die Reformfähigkeit der Gewerkschaften beeinflussen (neoliberaler Zeitgeist, hohe Arbeitslosigkeit, Abschied vom fordistischen Produktionsregime etc.), problematisch erscheint, so wichtig ist der nachdrückliche Hinweis von Lorenz auf die Probleme bei der Selbsterneuerung der Gewerkschaften. Somit handelt es sich mehr um eine Intervention als um eine systematische Analyse der „Geschichte und Perspektiven deutscher Gewerkschaften“. „Intervention“ ist sicherlich auch für Frank Deppe kein Schimpfwort und sein Plädoyer, Europa mitzugestalten, kann in diese Richtung gelesen werden. Hier treffen sich beide Bücher wieder, die vom gemeinsamen Gegenstand in unterschiedliche Richtungen gestartet waren.

Literatur

Habermas, J. (1973), Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt: Suhrkamp.

Preunkert, J. (2012), Die europäische Antwort auf die Finanzkrise, in Zpol 22:1, 69-94.

Besprochen wurden:

Lorenz, R. (2013): Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Perspektiven deutscher Gewerkschaften, Bielefeld: transcript.

Deppe, F. (2012): Gewerkschaften in der großen Transformation. Von den 1970er Jahren bis heute. Eine Einführung, Köln: PapyRossa Verlag


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