Systemfragen

Discontent is the first step in the progress of a man or a nation.
Oscar Wilde

Es sind wohl weniger die Krisen im Bereich globaler Finanzen, Sicherheit und des Klimas, sondern vielmehr die staatlichen, kulturellen und individuellen Reaktionen der Sparsamkeit, Kontrolle und Disziplin, welche ein europäisches, wenn nicht gar globales Unbehagen hervorbringen. Es resultiert aus der Spannung zwischen einer Ahnung, das Projekt der (Post-)Moderne könne im Scheitern begriffen sein und der vermeintlichen Einsicht, dass unbequeme systemische Anpassungs- und Rettungsversuche tatsächlich alternativlos sind. Mit einer Ahnung ist das Ende der Fahnenstange jedoch nicht erreicht. Können ‚wir‘ zwar Schuld an der Misere sein, doch nicht über die politische Handlungsfähigkeit verfügen, uns den Systemzwängen zu wider-setzen und etwas – gar alles – zu verändern?

Ausgehend von einem dem Unbehagen bereits anhänglichen Widerstandspotenzial schreibt Daniel Murray anlehnend an den deutschen Anarchisten Max Stirner, dass „a discontent with one’s own subjectivity as produced by the contemporary arrangements and a refusal to accept their internalisation (…) is the principal impetus for insurrectionary action“. Es ist das Ziel der kommenden Ausgabe von Powision „Systemfragen”, sich diesem Unbehagen anzunähern, sein Potenzial für Aufstand und Widerstand auszuloten und die aus ihm hervorgehenden Alternativen zum als ‚Jetzt‘ begriffenen Status Quo auszubuchstabieren.

Wir wollen Eure/Ihre Antworten auf die Fragen: Welche Alternativen können gedacht werden zu den gegenwärtigen Systemen liberaler Demokratie und globalisierter Marktwirtschaft? Welche Rolle spielen dabei moderne Konzeptionen von Staat, Gesellschaft, Kapitalismus, Leben, Individuum? Welche Entwürfe hierzu haben soziale Bewegungen, die aus oben genannten Krisenerscheinungen hervorgegangen sind? Oder allgemein: Ist nicht schon allein das Stellen der Systemfrage reine ‚Systemkosmetik‘ in der Anerkennung der herrschenden Verhältnisse?

In einem Brief an Siegfried Kracauer schrieb der junge Adorno einmal: „Ich will keine Wissenschaft machen und keine Weltanschauung, sondern eben was prinzipiell anderes, was zu den akademischen Kategorien ganz disparat steht und was die Leute erbittert“. Neben der Vorstellung sozialer und politischer Konzepte wollen wir auch der kritischen Reflexion von Wissenschaftlichkeit Raum bieten. Was bedeutet es, als WissenschaftlerIn gegen hegemoniale Strukturen anzuschreiben, wo man sich doch gerade auch hier strukturellen Normen und Zwängen hingeben muss, um Gehör zu finden?

Daran anknüpfend soll auch die Problematik von Widerstandspraktiken adressiert werden: Was sind Techniken und Strategien, die zur Veränderung, Anpassung oder gar der Überwindung jener unbequemen Umstände führen? Wie werden diese ausgestaltet – konfrontativ oder subversiv? Bietet sich lediglich die Möglichkeit der Performanz? Welche Einstellungen gibt es zur Anwendung physischer Gewalt?

Schließlich soll auch die Widerstandslogik selbst in den Blick kommen. Auf der Suche nach den Zwischen-räumen und den ‚dritten Wegen‘ abweichenden Verhaltens mag die diskursive Zweiteilung in „System“ und „Widerstand“ nicht hinreichend sein. Es scheint, als etabliere sich auch hier die Ausweglosigkeit einer binären Logik: „unten“ im Kleinen, da ist das „Gute“ möglich, während der ideologische Überbau, „Das oder Die da oben“ repressive Wirkungsmacht ausdrückt. Folglich sollen hier auch individuelle Rechtfertigungslogiken und Systemdenken als solches thematisiert werden.

Dies sind nur einige Fragen und Anregungen zu Themenkomplexen, denen die neue Ausgabe von Powision Raum bieten möchte.

Der Umfang der Beiträge soll ca. 8000 Zeichen inkl. Leerzeichen und Fußnoten (entspricht etwa 1,5 Seiten mit Times New Roman und Schriftgröße 10) betragen. Zitierhinweise finden sich auf www.powision.de. Einsendeschluss ist der 30.09.2012. Gerne stehen wir für weitere Nachfragen zur Verfügung.

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