Verzicht

 

Norrie May-Welby gilt als der erste Mensch, der in einem Passdokument auf eine Geschlechtszuordnung verzichten durfte. Weder physisch noch psychisch will und kann sich Norrie in weiblich/männlich klassifizieren lassen und hat sogar gerichtlich für ein Recht auf Verzicht der Einordnung in das zweiteilige Geschlechtermodell gekämpft.

Viele persönliche Entscheidungen und Lebensformen sind in irgendeiner Form von Verzicht geprägt. Trotz aller Gleichstellungsbemühungen verzichten (primär) Frauen auf Karriere, um sich Haushalt und Kindern zu widmen. Aber verzichtet hierbei nicht vielmehr der männliche Partner darauf, seine Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten? Auf was verzichten wir in monogamen Beziehungen? Laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes gibt es ca. 400.000 Menschen in Deutschland, die auf den Konsum und Verzehr tierischer Produkte verzichten. Und der Trend zu einem ökologisch motivierten Verzicht auf Autos, Flugreisen oder „Stromfresser“ gilt in vielen Kreisen als schick.

In der repräsentativen Demokratie verzichten die Wählenden auf die direkte Mitbestimmung in politischen Fragen. Circa 30 Prozent der wahlberechtigten Deutschen haben bei der zurückliegenden Bundestagswahl auf ihr Recht verzichtet, ihre politischen Repräsentant_innen zu wählen. Auch in politischen Diskussionen geht es häufig um Verzicht: Wie gelingt uns der Verzicht auf Atomkraft? Sollten oder können wir auf ein Militär verzichten? Warum lehnen wir Inlandseinsätze der Bundeswehr ab? Welche Folgen hätte eine Öffnung der nationalstaatlichen Grenzen? Was würde eine Auflösung der Europäischen Union für Deutschland bedeuten? Was ein Verzicht auf Griechenland als Euromitglied für das Weiterbestehen der EU?

Warum verzichten Menschen?

Die Gründe für Verzicht sind ebenso vielseitig wie seine Ausprägungen. So verzichten beispielsweise die Amischen aus religiöser Überzeugung auf ein Leben in der modernen Zivilisation, während „Aussteiger“ oft individuelle oder sozialkritische Gründe angeben. Dabei verband man in der Philosophie das Streben nach wahrer Erkenntnis mitasketischem Leben, das Fasten als Läuterung der Sünden ist bis heute vielen Religionen verbreitet. Anstatt von sich an überweltlichen Zielen auszurichten hoffen aus politischen Gründen Hungerstreikende meist auf mediale und damit öffentliche Aufmerksamkeit.

Verzicht kann Form des Protestes sein oder Teil eines Selbstfindungsprozess. Verzicht ist sozialer Trend oder radikale Gesellschaftskritik. Er ist Hoffnung, durch persönliche Askese Wahrheit zu erkennen (Philosophie/Theologie), durch Sparen Zukunft zu sichern (Wirtschaft/Politik) und globale Gerechtigkeit zu ermöglichen (Ökologie). Verzicht durchdringt die individuelle Ebene genauso wie globale Zusammenhänge, verbindet Disziplinen und trennt Lebensphilosophien. Verzicht ermöglicht Gemeinschaft und kreiert Grenzen.

Grenzen des Verzichts

Nicht jedem Menschen ist Verzicht möglich: Können Drogenabhängige auf Suchtmittel oder Dauerzocker auf Computerspiele verzichten? Kann ein jeder sein Essverhalten umstellen? Kann die digitale Generation noch auf soziale Medien verzichten? Kann der deutsche Sozialstaat auf den Ausbau von Kinderkrippenplät-zen verzichten? Wann beginnt die Abhängigkeit, die der freien Entscheidung zum Verzicht im Weg steht?

Dies sind nur einige Fragen und Anregungen zu Themenkomplexen, denen die neue Ausgabe von Powision Raum bieten möchte. Für die 14. Ausgabe suchen wir nach Beiträgen, die sich mit dem Thema Verzicht auseinandersetzen. Die Artikel sollten circa 8000 Zeichen (inklusive Leerzeichen und Fußnoten) lang sein und die Harvardzitierweise nutzen. Einsendeschluss ist der 30. April 2013. Gerne stehen wir für weitere Nachfragen zur Verfügung und schicken auf Wunsch auch ein .pdf der letzten Ausgabe zu.

 

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